CURRENT & FUTURE

HIRAETH - I carry someone else's memory
Neufassung

Konzept, künstlerische Leitung: Nadja Puttner
Regie: Fritz von Friedl
Tanz/Performance/Choreografie: Nadja Puttner, Monika Schuberth
Kontrabass: Edoardo Blandamura

Premiere: 23. Jänner 2018 - 20.00
DAS OFF THEATER, Kirchengasse 41, 1070 Wien
Weitere Vorstellungen: 24. & 25. Jänner 2018
Zum Trailer

„They were not alive at the time. They were not supposed to know. Often, they were not even told. But they know. They know it in their bodies, in every cell of their body. It is almost as if they were born with that knowledge."                                                                                                                                                                                                                                         Natan Kellermann 2015

Mehr als 25 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs träumt ein fünfjähriges Mädchen von Fliegeralarm und Bombenangriffen, die es nie erlebt hat und von denen es eigentlich nichts wissen kann. Jahre später erzählen die Großeltern vom Krieg, den sie im Widerstand gegen die NS-Diktatur teils in Gefangenschaft miterlebt haben. Und sie erinnert sich. Auch an das Gefühl der Hilflosigkeit und des Eingesperrtseins, das sie ihr ganzes Leben lang nicht mehr loslassen wird.
Ein anderes Mädchen beginnt bereits als Siebenjährige, sich bewusst vom Leben zurück zu ziehen. Bedrückt und eingeschüchtert von dem Schweigen, das in ihrer Familie omnipräsent ist, versteckt sie sich nun selbst hinter einer Mauer des Schweigens. Auch als Erwachsene wird sie nicht wagen, das auszusprechen, was sie wirklich denkt und fühlt.

HIRAETH beschäftigt sich mit der Frage, wie die Erlebnisse und Erinnerungen unserer Eltern und Großelternin uns weiterleben und unser Denken und Handeln unbewusst beeinflussen. 
Glaubte man früher, dass Kinder ausschließlich davon geprägt werden, was sie tatsächlich erleben, so geht man heute davon aus, dass es vor allem die unausgesprochenen, verdrängten Dinge sind, die Einfluss auf die Psyche nehmen. Es wird immer wahrscheinlicher, dass schwerwiegende Traumata der Vorfahren sogar auf biologischem Weg an die Nachkommen übertragen werden und bei diesen als unbewusste, instinkthafte Ängste und scheinbar unüberwindbare Blockaden zum Ausdruck kommen.

Haben wir nicht nur die Gene unserer Vorfahren „geerbt“, sondern auch deren Geschichte(n)? 

Der europäische Mensch von heute vor dem psychohistorischen Hintergrund der beiden Weltkriege und der darauf folgenden gesellschaftlichen Umbrüche und Revolutionen: Kriegstraumata, Hunger, Verfolgung und Gefangenschaft, brutale Erziehungsmethoden und verdrängte Schuldgefühle der Vorfahren stehen einer steigenden Anzahl von psychischen Beschwerden der Kinder, Enkel und Urenkel gegenüber: Angstzustände, Panikattacken, Albträume, Depressionen und soziale Probleme sind typisch für die Generationen der Nachkriegszeit. 
Sind sie die logische Folge der Ereignisse der letzten 100 Jahre? Oder ist es uns „Friedens – und Wohlstandskindern“ einfach „zu gut“ gegangen?
Müssten wir als Kinder und Enkel der „Kriegsgeneration“ nicht durchwegs glücklich und dankbar sein, in eine sichere, „heile“ Welt hineingeboren zu sein? Dürfen wir uns überhaupt hilflos und traurig fühlen? Wo es doch anderen auf diese Welt so viel schlechter geht als uns?
Und warum erscheinen uns Krieg, Flucht und Verfolgung heute oft so unwirklich, wie gruselige Geschichten aus einer fernen Welt, obwohl unsere Großeltern noch unmittelbar davon betroffen waren? Und obwohl wir täglich von Medienberichten mit aktuellen Kriegsschauplätzen konfrontiert werden und Kriegsflüchtlinge nach Europa strömen? 

Welche Rolle spielt die Vergangenheit in unserer Gegenwart, und wie können wir mit unserem „Erbe“ verantwortungsvoll umgehen?  
Kann es uns dabei helfen, mehr Raum und Akzeptanz auch für Menschen mit anderer Meinung, anderen Lebensmodellen, anderer Herkunft zu schaffen, indem Offenheit und Kommunikation über das Schweigen gestellt wird? 

Die Erstfassung von HIRAETH zählt zu den Gewinnern des Bank Austria Kunstpreises. Mit den Mitteln dieses Preises wird das Stück gerade überarbeitet und neu inszeniert.

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